Die verdammte Generation

Gespräche mit den letzten Soldaten des Zweiten Weltkriegs
 
 
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Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht der letzten Zeitzeugen
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    11 von 13 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich

    Elke S., 10.03.2020

    Endlich wird diesen Männern eine Stimme verliehen

    Historiker Christian Hardinghaus hat mir schon mehrfach mit Sachbüchern und historischen Romanen tolle Unterhaltung und einige Nachhilfe in Bereichen, die man sonst so nicht im Geschichtsbuch findet, geboten. Deshalb war auch „Die verdammte Generation“ ein absolutes Muss für mich.

    „Nur schade, dass man sich in Deutschland nicht für meine Geschichte interessiert, das heißt für die Geschichte deutscher Soldaten überhaupt. Ich wäre gerne mal in Schulklassen gegangen. Die amerikanischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg haben das gemacht für Schüler. Vielleicht hätte es auch hier etwas gebracht. Vor dem Krieg muss man warnen, wenn man ihn kennt. Aber da hat niemand gefragt.“, sind Worte von Zeitzeuge Fritz.

    Die verdammte Generation, treffender hätte der Titel wohl das Los dieser hier versammelten Zeitzeugen gar nicht beschreiben können. „Sie gehörten der verdammten Generation an. Verdammt zum Kämpfen, verdammt zum Schweigen, später dafür verdammt, am Krieg teilgenommen zu haben.“.

    Daran, dass sie zum Kämpfen verdammt wurden, kann heute keiner mehr etwas ändern. Aber einen wertvollen Beitrag dazu, dass sie nicht länger schweigen müssen, leistet dieses Buch, in dem Christian Hardinghaus ihnen endlich eine Stimme verleiht und auch ihrer Verdammung als Kriegsteilnehmer, die getötet haben, wirkt er entgegen, indem er klar deutlich macht, was Soldat sein überhaupt bedeutet hat.

    Denn „Es kann und darf nicht sein, dass heute jeder, der sich nicht offensichtlich im Widerstand organisiert hat, in den Verdacht gerät, Täter gewesen zu sein, und dass er schuldig gesprochen wird für etwas, dass er weder zu verantworten hatte noch hätte verhindern können.“ Dass Teile der Wehrmacht an Kriegsverbrechen beteiligt waren leugnet niemand, aber gegen ein falsches Pauschalurteil alle Deutschen, alle Soldaten waren Nazis, hilft nur Wissen und dieses bekommt man hier geboten. So ist z.B. ganz klar und historisch belegt ist, „dass der einfach deutsche Soldat in der Mehrheit deswegen so erbittert gekämpft hat, weil er glaubte, - und bewusst in dem Glauben gelassen wurde -, er verteidige in der Sowjetunion seine Heimat, Angst Russen fallen zuhause bei ihren Lieben ein ,,,.“. Ebenso wenig ist der breiten Masse leider nicht bekannt, dass kein einziger Soldat genaue Anweisungen oder Informationen erhielt und dass es eine strikte Trennung zwischen NSDAP, SS, SA und Wehrmacht gab. Dabei war es Wehrmachtsangehörigen während ihrer Dienstzeit nicht umsonst verboten, Mitglied der NSDAP zu sein. „Man wollte verhindern, dass die kämpfende Truppe sich mit etwas anderem beschäftigte, als militärisch zu funktionieren und strategische Erfolge einzuheimsen.“

    Hier wird weder der Erinnerungskultur an den Holocaust versucht den Rang abzulaufen, Soldaten werden nicht in den Himmel gehoben, durch die Ergänzungen des Autors auch kein Kriegsverbrechen von deutscher Seite verschwiegen, sondern es wird ein möglichst realistisches und authentisches Bild des Kriegserlebens eines durchschnittlichen Wehrmachtssoldaten beschrieben. Ein möglichst umfassendes Bild bekommt man als Leser, da hier dreizehn Zeitzeugen versammelt sind, die diversen Waffengattungen angehörten, beim Piloten angefangen, über Funker, Luftwaffenhelfer, Kradmelder bis hin zum Flakhelfer, einfache Landser, aber auch ranghöhere Unteroffiziere. Zudem sind die Einsatzorte mehr als vielfältig. U.a. bekommt man Berichte von Estland, Afrika, der Ost- und Westfront, dem D-Day oder auch dem Kriegsende rund um den Berliner Reichstag. So bekommt man auch einen tollen Querschnitt durch den gesamten Kriegsverlauf.

    Der Autor stellt seine Zeitzeugen alle kurz in einleitenden Zeilen vor. Wie leben sie heute, woran leiden sie, wie haben sie die Zeit vor dem Krieg verbracht und empfunden. So war ich z.B. baff erstaunt, dass ein Fritz in seinem Alter fast als Technikgenie zu bezeichnen ist, habe mich darüber gefreut, dass ein Otto fest an seinen Engel glaubt und gerührt, dass er mit ihm über restliche Lebensjahre verhandelt, oder hatte auch Mitleid , wenn ich bei Karl-Friedrich lesen musste, „Ich zucke heute noch zusammen, wenn die Feuerwehr hier einmal in der Woche Probealarme laufen lässt.“

    Anschließend bekommt man Erzählungen vom persönlich erlebten Kriegsalltag, die der Autor gelungen in Hintergrundinformationen einbettet. Darunter sind viele schockierende Szenen, die mich ob des Elends sehr betroffen gemacht haben, wie kann man eine solche Hölle überleben? „Da kamen zerlumpte, schwer verwundete deutsche Soldaten auf das Rollfeld gestolpert und versuchten, die Tante Ju zu erreichen. Aber der Pilot sah zu, dass er wegkam. Der Motor heulte auf, die Maschine verschwand in der Dunkelheit, und die schreienden Verwundeten, die zum Teil versucht hatten, sich an das Flugzeug zu klammern, verschwanden ebenfalls wieder.“ (Wigand), oder „Da liegt dein Kamerad im Sand, blutüberströmt, frierend in der Wüste; Man weiß, dass er stirbt, und seine letzte Bitte, die es an dich richtet, ist, dass du seiner Mutter bitte nicht sagen sollst, wie er gestorben ist.“(Josef),. sind nur zwei Beispiel dafür. Es werden zudem Erklärungsversuche gemacht, “Erst jagen ihnen die ersten Toten Schrecken ein, kurz haben sie selbst Angst, zu sterben, beobachten Kriegsverbrechen mit Entsetzen. Doch nach wenigen Wochen, bei manchen schon nach Tagen, setzt alles Denken und Fühlen über derartige Inhumanitäten aus. Möglicherweise ist dies für den Mensch die einzige Möglichkeit, in Extremsituationen zu überleben.“ Teilweise wird hier nüchtern, abgeklärt geschildert, „Man muss versuchen in diesen Momenten einen klaren Kopf zu behalten. Wer da durchdreht, ist selbst erledigt. Es ist schwer das zu beschreiben. Im Frieden hält man solche Anblicke nicht aus. Aber der direkte Überlebenswille im Krieg schafft selbst das.“, um dann fast schon um Entschuldigung heischend hinterher zu schieben, „Es ist komisch, wenn ich heute darüber nachdenke. Ich habe damals wirklich überhaupt nichts dabei empfunden. Dafür hatte ich wohl keine Zeit. Ich musste ja eine Mannschaft kommandieren.“ (Wigand) Ab und an mischen sich auch einige schöne Berichte darunter wie „Alle haben sich gefreut und bedankt, dass wir sie vor den Russen beschützen. Das hat einen schon stolz gemacht“ so als junger Mann, als kleiner Teil von etwas, das anscheinend einigen Leuten Frieden brachte.“ (Werner)

    Am Ende eines jeden Abschnitts stellt der Autor noch einmal, meist drei, persönliche Fragen. Immer mit dabei ist die Frage nach der Kriegsgefangenschaft. Hier hat mich sicherlich das Rheinwiesenlager Sinzing, in dem Rolf ausharren musste, am allermeisten schockiert, „Dieser Hunger. Es gab nichts. Wir haben Gras, Brennnesseln und Unkraut gegessen. Überall lagen Verletzte, Amputierte, einige schrien, die meisten vegetierten nur vor sich hin. […] Ich lag nur in Schlamm und Dreck, umgeben vom Verwesungsgestank der Leichen. […] Tagsüber flogen viermotorige Maschinen über die Wiese und schossen einfach auf uns. Wer starb, der starb. Es schrie schon keiner mehr.“ Verblüfft war ich, wie relativ gut es oft Soldaten, hier z.B. Karl-Friedrich oder Josef in Lagern in den USA ging. Ebenfalls wird danach gefragt, wann sie vom Holocaust erfahren haben, was alle definitiv erst nach Kriegende haben, und auch ein Blick aufs Jetzt oder die Zukunft wird geworfen. Besonders aus der Seele gesprochen haben mir dabei folgende Aussagen von Wigand, die die aktuellen Schieflagen unserer Gesellschaft so treffend beschreiben, „Es scheint eine besondere Eigenart unseres Volkes zu sein, stets die eigene Courage zu verlieren, wegzusehen, mitzumachen, je nachdem, woher der Wind weht. So einen Geltungsdrang, wie unter den Deutschen, so eine Übervorsicht, was man wohl von ihnen denken könnte, wenn sie dies machten oder jenes.“, „Und dann geht das Suchen nach den Schuldigen ständig von vorn los, für alles. Dabei zerfleischen die Deutschen stets sich selbst, legen sich mit dem Nachbarn an, der einfach anders denkt, obwohl das in einer Demokratie, die wir ja sein wollen, sein gutes Recht ist.“

    Alle dreizehn Zeitzeugen haben bewegende Schicksale von denen sie hier erzählen. Eigentlich müsste ein jeder hier Erwähnung finden, was aber leider den Rahmen sprengen würde, deshalb stellvertretend vielleicht diese zwei. Denn den größten Respekt habe ich vor Wigand, der trotz aller Warnungen freiwillig zurück in den Kessel von Stalingrad zurückgekehrt ist, weil er seine Truppe nicht alleinlassen wollte. Und besonders nahe gegangen ist mir der Abschnitt über Werner, dem es, je älter er wird, immer weniger gut gelingt, die Erinnerungen an den Krieg zu verdrängen und den deswegen oft Schuld- und Schamgefühle plagen und der sich solche Selbstvorwürfe macht. Er erzählt sehr emotional, was ihn mit unglaublich nahe gebracht hat und ich hätte ihm bei den Schilderungen, die ihm Tränen über die Wangen laufen lassen, am liebsten tröstend in den Arm genommen.

    Christian Hardinghaus hier endlich an, was längst überfällig war, nämlich, dass auch vom Kriegsleid der deutschen Soldaten berichtet wird, diese vom Generalverdacht befreit werden, und so vielleicht auch den Deutschen von dem Schuldbewusstsein genommen wird, das sie oft so handlungsunfähig macht. Alles in allem eine absolute Pflichtlektüre und begeisterte fünf Sterne.

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    janein
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