Die Schuld jenes Sommers, Katherine Webb

Die Schuld jenes Sommers

Roman

Katherine Webb

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  • 3 Sterne

    15 von 26 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich

    Lena, 25.10.2019

    Während eines Bombenangriffs im April 1942 verschwindet der sechsjährige Davy spurlos, als Frances auf ihn aufpassen sollte. Schuldbewusst sucht sie die darauf folgenden Tage verzweifelt nach ihm.
    In dem zerstörten Bath werden währenddessen die sterblichen Überreste von Wyn, Frances bester Freundin gefunden, die vor 24 Jahren verschwunden war. Damals hatte man einen österreichischen entflohenen Kriegsgefangenen als ihren vermeintlichen Mörder zum Tode verurteilt. Durch den Fund der Leiche zweifelt Frances inzwischen daran, dass der richtige Täter zur Verantwortung gezogen wurde und beginnt sich zu fragen, ob der Täter von damals auch mit Davys Verschwinden in Zusammenhang stehen könnte. Sie kann einfach nicht glauben, dass der Junge in der Bombennacht ums Leben gekommen ist.

    Frances ist eine junge Frau, die den Verlust ihrer besten Freundin nie überwunden hat. Ihr Leid und Schmerz und die Tatsache, dass sie nie glücklich geworden ist, ist spürbar. Als 24 Jahre später das Skelett von Wyn gefunden wird und Gewissheit herrscht, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, erinnert sich Frances wieder an ihre Kindheit ab dem Jahr 1916. Sie denkt daran zurück, wie sie Wyn kennengelernt und sich mit dem dünnen, armseligen Mädchen angefreundet hat, das aus einer Familie stammte, in der Gewalt an der Tagesordnung war.
    Als Frances Davy, für den sie verantwortlich war, während der Bombardierung von Bath verliert, übermannen sie die Schuldgefühle. Zudem kommen Erinnerungen in ihr hoch, die sie zunächst nicht einordnen kann, Dinge, die sie damals verschwiegen hatte.

    Es ist ein Roman mit einem eigentlich spannenden Plot, der auf zwei Zeitebenen spielt, der aber etwas langatmig erzählt wird. Sowohl die Gegenwart als auch die Vergangenheit - zu Zeiten eines der beiden Weltkriege - handelt von einem vermissten Kind, das für Frances jeweils eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielte. Die Suche nach Davy ist allerdings repetitiv und eintönig, Frances Erinnerungen an ihre Kindheit, die aufgrund Wyns dysfunktionaler Familie erschütternd sind, dagegen von mehr Ideenreichtum geprägt. Dass der falsche Täter gefasst wurde, ist offensichtlich und so beginnt man als Leser selbst Vermutungen anzustellen, wer am Tod von Wyn Schuld ist und hofft, dass Frances endlich abschließen und zur Ruhe kommen kann. Auch ist fraglich, ob es nur Frances Wunschvorstellung entspricht, dass Davy die Bombennacht überlebt hat oder ob er unter den Trümmern begraben liegt.

    "Die Schuld jenes Sommers" ist ein historischer Roman mit Krimielementen über Freundschaft, qualvolle Erinnerungen, Schuldgefühle und die Suche nach Wahrheit. Frances ist eine traumatisierte, gebrochene Frau, die sich der Vergangenheit stellen muss, davor jedoch eine seltsame Abneigung hat. Es ist etwas ermüdend, immer wieder sich wiederholenden Sätze zu lesen, die in Frances Verzweiflung in ihrem Kopf herum schwirren und dadurch wird auch die Aufklärung von Wyns Verschwinden nicht enden wollend in die Länge gezogen. Am Schluss kam zwar doch noch die bislang vermisste Spannung auf und auch die Klärung des Falls war so nicht vorhersehbar, aber selbst nach der Auflösung schafft es die Autorin noch das Ende weiter hinauszuzögern.

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    janein
  • 5 Sterne

    1 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich

    Lulu2305, 04.11.2019

    Historischer Roman mit vielen Emotionen

    „Die Schuld jenes Sommers“ ist ein historischer Roman von Katherine Webb, übersetzt von Babette Schröder. Er erschien im Oktober 2019 im Diana Verlag und ist in sich abgeschlossen.
    Bath, 1942: Inmitten des zweiten Weltkrieges verschwindet der kleine Davy bei einem Bombenangriff nahezu spurlos. Frances, seine Ziehmutter, die immer auf ihn aufpasst, wenn Davys leibliche Mutter dazu nicht in der Lage ist, ist sich aber sicher: Davy lebt. Verzweifelt beginnt die junge Frau das Kind zu suchen, sie möchte nicht erneut schuld an dem Verschwinden eines Menschen sein. Denn obwohl sie, als ihre beste Freundin Wyn während des ersten Weltkrieges verschwand, selbst noch ein Kind war, ist das dumpfe Gefühl der Schuld niemals von ihren Schultern gewichen. Als dann in den Wirren des zweiten Weltkrieges auch noch Wyns Leiche gefunden wird, wird diese Schuld wieder präsenter und Frances beginnt nicht nur Davy zu suchen, sondern auch die Wahrheit über Wyn.

    Frances ist eine sympathische und moderne junge Frau. Sie hat ihren Mann verlassen, weil sie davon überzeugt ist, ihm keine gute Ehefrau zu sein und sie ihm jemanden gönnt, der ihm Kinder schenken und die Liebe entgegenbringen kann, die er verdient. Dies war in den 50er-Jahren noch nicht gerade üblich, weshalb ich Frances für ihren Mut sehr bewundere. Insgesamt scheint aber ihre gesamte Familie sehr fortschrittlich und tolerant zu sein, so führt ihre Tante Pam ihr Leben nicht mit einem Ehemann, sondern mit einer „guten Freundin“ an ihrer Seite. Ich fand es sehr angenehm, wie diese Aspekte abseits der normalen Rollenverteilungen und Vorstellungen aufgegriffen und eingearbeitet wurden. Die recht modernen und selbständigen Frauen sind symbolhaft für den Beginn einer neuen Zeit, in der die Emanzipation voranschreitet und Frauen sich auch während und nach dem Krieg behaupten müssen.
    Auch der zweite Weltkrieg wird im Roman mitangerissen, wobei sich die Details hier auf das reduzieren, was für die Geschichte notwendig ist. Es ist also eher ein Roman mit historischen Aspekten, kein historischer Roman, der von der Historie lebt. Die angerissenen Themen sind dafür aber gut ausgearbeitet und präzise in die Handlung eingebaut.
    Die Figuren sind ebenfalls mit Liebe zum Detail beschrieben und Sympathien werden schnell klar und greifbar. Der Roman ist als personale Erzählung aus Frances Sicht geschrieben. Der Leser bekommt ihre Gedanken und Gefühle dadurch gut übermittelt und es wird klar, dass das Verschwinden Wyn große Wunden bei Frances hinterlassen hat. Noch 20 Jahre nach Wyns Verschwinden beschäftigt Frances die Frage, was in dem schicksalshaften Sommer jenes Jahres passiert ist. Weiß sie mehr als sie glaubt und hängt Davys Verschwinden wohlmöglich mit Wyns Verschwinden zusammen? Fragen über Fragen, doch eins ist klar: Frances kann nicht hinnehmen, dass ein weiteres Kind verschwunden ist, weshalb sie alles daransetzt, Davy wiederzufinden und sich an den Sommer in dem Wyn verschwand zurückzuerinnern. Dabei scheut sie nur wenige Situationen und begibt sich mit großem Mut auf die Suche nach der Wahrheit. Auf ihrer Suche stellt sie sich nicht nur alten Gefühlen und Ängsten, sondern erfährt auch Dinge über sich, die sie lange verdrängt hatte, um sich selbst zu schützen. Ich bewundere ihre Stärke und ihr Auftreten, ihre Selbständigkeit und Freundlichkeit, welche sie sich trotz der schrecklichen Erlebnisse bewahrt. Auch die anderen Personen werden authentisch dargestellt, was einen einfachen Zugang in den Roman erlaubte.
    Frances Suche nach der Vergangenheit wird in zwei Zeitebenen erzählt – damals und heute. Diese sind durch entsprechende Kapitelüberschriften leicht auseinander zu halten und auf eine großartige Art miteinander verknüpft. Der Schreibstil ist flüssig und mitreißend, auch die Spannung kommt nicht zu kurz. Bis zum Ende war mir nicht klar, wer Wyns Mörder sein könnte und auch was mit Davy geschehen ist bleibt lange Zeit fraglich.
    Neben dem Hauptthema, lässt Katherine Webb geschickt auch noch eine Liebesgeschichte in den Roman einfließen, welche sich, ebenfalls abseits aller Klischees, schon lange angebahnt hat, aber am Ende nicht gut enden konnte. Diese Romanze gibt dem eher ernsten und spannenden Roman eine leichte Note, die sich gut in das Gesamtbild einfügt.
    Auch der Handlungsort, den wir bereits aus Romanen von Katherine Webb kennen hat mir wieder gut gefallen. Die Umgebung des Ortes Bath ist sehr vielseitig und durch die bildliche Beschreibung kann man in seiner Fantasie die Orte wunderbar erkennen.

    Mein Fazit: „Die Schuld jenes Sommers“ ist ein weiterer Roman von Katherine Webb, der mich wieder vollständig überzeugt hat. Nachdem die „Frauen am Fluss“ mich nicht abholen konnte, hat dieses neue Buch alles wieder wett gemacht. Die Autorin schreibt eine Geschichte über Schuld und Wahrheit, voller Emotionen und Gefühl mit einer guten Prise Spannung. Vergangenheit und Gegenwart werden wunderbar miteinander verknüpft, der Handlungsort nahezu bildlich dargestellt. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen und vergebe 5 von 5 Sternen für einen wunderbaren historischen Roman!

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    janein
  • 5 Sterne

    2 von 4 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich

    Bücherfee, 03.11.2019

    Vor einigen Jahren habe ich die historischen Romane der englischen Schriftstellerin Katherine Webb entdeckt. Seitdem fiebere ich jeder Neuerscheinung entgegen. In ihrem Buch "Die Schuld jenes Sommers" führt sie ihre Leser in eine dunkle Epoche. Im April 1942 verschwindet der kleine Davy im Chaos eines Bombenangriffs auf die englische Stadt Bath. Frances wird von schrecklichen Schuldgefühlen geplagt. Warum nur hat sie Davy allein gelassen? Und lebt er noch?

    Am nächsten Morgen wird das Skelett eines kleinen Mädchens gefunden: Die Tote ist Frances Freundin Wyn, die vor über 20 Jahren spurlos verschwand. Und so taucht Frances während ihrer unermüdlichen Suche nach Davy ein in die Vergangenheit, deren dunkle Schatten sie bis heute begleiten. Doch sie ist fest entschlossen herauszufinden, was in jenem Sommer vor 20 Jahren geschah ...

    Das ansprechende Cover ist in warmen Farben gehalten. Der Betrachter blickt direkt auf einen gewundenen Weg, der durch eine naturbelassene Landschaft zu einem alten Haus führt. Es scheint ein warmer Sommerabend zu sein, die Sonne scheint untergegangen zu sein, aber von einer heiteren ländlichen Idylle kann keine Rede sein. Man ahnt eine drohende Gefahr, die irgendwo im Nirgendwo auf einen nichtsahnenden Spaziergänger lauert. Auch der aussagekräftige Titel zielt in die gleiche Richtung und weckt eine gewisse Erwartungshaltung ,

    Angesiedelt ist der Roman in der englischen Stadt Bath im Südwesten Englands, wo die Schriftstellerin Katherine Webb ganz in der Nähe lebt. Diesmal nimmt sie ihre Leser mit in eine dunkle Epoche Europas, die von zwei Weltkriegen geprägt ist. Die Handlung spielt auf zwei zeitlichen Ebenen, nämlich im Jahre 1942 und in der Zeit des Ersten Weltkriegs, an die sich die Protagonistin Frances in Form von Rückblenden erinnert. Zentrales Motiv ist die verzweifelte Suche nach einem vermissten Kind, das in dem Leben von Frances eine besondere Rolle einnimmt.

    Man kann das literarische Können von Katherine Webb nur bewundern. Einfühlsam schildert sie die schreckliche Bombardierung Baths durch die deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Man erlebt das Chaos der Kriegswirren, man fühlt Hunger, Not und Verzweiflung der Zivilbevölkerung, die viele Schicksalsschläge ertragen muss. Die Grundstimmung dieses Romans ist düster; auch die Protagonistin Frances ist eine depressive, gebrochene Figur, die mit dem Gefühlschaos in ihrem Inneren ringt, als die Leiche ihrer ehemals besten Freundin Wryn gefunden und ein "cold case" wieder aufgerollt wird.

    Mit einem Schlag wird die lange verdrängte Vergangenheit wieder lebendig, und Frances erinnert sich an ihre Kindheit in Bath. Während sie selbst in einer liebevollen Familie aufgewachsen war, stammte Wryn aus einer bitterarmen dysfunktionalen Familie, in der brutale Gewalt an der Tagesordnung war. Frances hat den Verlust ihrer besten Freundin nicht verarbeitet, nur verdrängt. Die schrecklichen Ereignisse haben ihr Leben zerstört. Nach dem Verschwinden von Wryn war ein geflohener deutscher Kriegsgefangener, der losen Kontakt zu den kleinen Mädchen hatte, für den Tod von Wryn verantwortlich gemacht und hingerichtet worden. Nun kämpft sie mit tiefen Schuldgefühlen, weil sie selbst niemals über eine an ihr begangene sexuelle Gewalttat in jenem Sommer gesprochen und durch ihr Schweigen wider besseres Wissen mitschuldig an einem grausamen Verbrechen geworden ist.

    Mit dem Roman "Die Schuld jenes Sommers" ist Katherine Webb ein packender historischer Roman um einen lange zurückliegenden Mord gelungen, in dem ein schockierendes Familiengeheimnis aufgedeckt wird. Mich hat dieses dramatische, emotionale Buch trotz einiger Längen überzeugt, und ich spreche eine klare Lese-Empfehlung aus.

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    janein
  • 5 Sterne

    dorli, 16.12.2019

    Bath im Südwesten Englands, 25. April 1942. Wie so oft passt Frances Parry auf den 6-jährigen Davy auf. Da dieser Tag der Geburtstag ihrer vor 24 Jahren verschwundenen Freundin Wyn Hughes ist, lässt Frances Davy am Abend bei dem befreundeten Ehepaar Landy zurück, um für ein paar Stunden allein mit ihren Erinnerungen zu sein. Als sie auf dem Beechen Cliff hoch über der Stadt zur Ruhe kommen will, bricht das Chaos in Form eines deutschen Luftangriffs über Bath herein. Am nächsten Tag muss Frances erfahren, dass die Landys ums Leben gekommen sind und von Davy jede Spur fehlt. Während der verzweifelten Suche nach dem Jungen trifft Frances der nächste Hieb – der Einschlag einer Bombe hat im Garten der Hughes Wyns Skelett zu Tage gefördert…

    Schon nach wenigen Seiten zeigt sich, dass die Erlebnisse in ihrer Kindheit Frances’ Lebensweg umfassend geprägt haben und sie eine ungeheure Last mit sich herumschleppt, die sich einfach nicht abschütteln lässt. Die aktuellen Ereignisse lassen die alten Wunden aufbrechen - die Sorge um Davy und die damit einhergehenden Selbstvorwürfe, für sein Verschwinden verantwortlich zu sein, geben jahrelang schwelenden Schuldgefühlen neue Nahrung: Frances fühlt sich nicht nur mitschuldig an Wyns Tod, sie ist sich jetzt auch sicher, dass ein Unschuldiger für die Tat büßen musste, weil sie damals nicht in der Lage war, über ihre Beobachtungen zu sprechen. Sie will den wahren Mörder zur Strecke bringen, doch das ist leichter gesagt als getan, denn die tief in ihrem Gedächtnis vergrabenen Erinnerungen an die Geschehnisse im Sommer 1918 weigern sich hartnäckig, wieder zum Vorschein zu kommen.

    Katherine Webb gelingt es ausgezeichnet, Frances innere Zerrissenheit darzustellen - dem Drang, die tatsächlichen Ereignisse von vor 24 Jahren endlich ans Licht zu zerren und damit den damals verurteilten Kriegsgefangenen zu rehabilitieren, steht die fast übermächtige Angst gegenüber, der Wahrheit ins Gesicht sehen zu müssen.

    Die Geschichte wird im Verlauf der Handlung immer dramatischer; sich ständig wiederholende Erinnerungsfetzen und das Entdecken kleiner Hinweise bringen nicht nur Frances immer näher an die Wahrheit, sie treiben die Spannung auch mehr und mehr in die Höhe und haben mich durchweg mit Frances mitfiebern lassen. Dass man als Leser schon recht bald eine Ahnung hat, um wen es sich bei dem wahren Täter handelt, nimmt der Geschichte dabei zu keiner Zeit die Intensität.

    In die laufende Handlung sind mehrere Rückblenden in die 1910er Jahre eingeflochten, in denen man die gemeinsame Zeit der Mädchen von ihrem Kennenlernen bis hin zu Wyns plötzlichem Verschwinden mitverfolgen kann. Diese Einschübe runden Frances Spurensuchen ab und liefern darüber hinaus auch die Begründung dafür, warum die damals 8-jährige Frances nicht in der Lage war, ihr Wissen preiszugeben, sondern dieses hinter hohen Mauern in den Tiefen ihres Gedächtnisses vergraben hat.

    „Die Schuld jenes Sommers“ hat mir sehr gut gefallen - ein mitreißender Roman, der anschaulich und eindringlich erzählt wird und den Leser intensiv an dem Schicksal der Akteure teilhaben lässt.

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    janein
  • 4 Sterne

    1 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich

    Annett H., 03.11.2019

    Das Buch:
    Ich durfte das Buch „Die Schuld jenes Sommers“ von Katherine Webb im Rahmen einer Leserunde lesen, wofür ich mich beim Diana Verlag und Lovelybooks bedanke. Das Cover ist interessant gestaltet und macht neugierig, nicht zuletzt deshalb, weil es sich nicht in die sonst so üblichen Covers historischer Romanen einreiht.

    Frances‘ Geschichte wird in diesem Buch auf 2 Zeitebenen erzählt – 1942 und 1918. Die Kapitel der Gegenwart und Vergangenheit sind deutlich getrennt, verzahnen sich in ihrer Handlung im Laufe der Erzählung aber immer mehr ineinander – bis hin zu dem Moment, in dem sie sich treffen.

    Worum geht’s?
    Die englische Stadt Bath wird 1942 von deutschen Fliegern bombardiert. Mitten in den Wirren dieser zweitägigen Angriffe geht der 6jährige Davy verloren. Frances, die eigentlich auf ihn aufpassen sollte, hatte ihn zu einem befreundeten Ehepaar gebracht, weil sie selbst Zeit für sich brauchte. Eine nervenaufreibende Suche nach dem Jungen beginnt, während der sich viele Beziehungen zur Familie des Jungen offenbaren und ein lange verborgenes Stück Vergangenheit wortwörtlich an die Oberfläche katapultiert wird. Frances sucht nun nicht mehr nur nach Davy sondern auch nach ihrer eigenen Vergangenheit.

    Bath 1918: Die 8jährige Wyn – Frances‘ beste Freundin – verschwindet und kann trotz intensiver Suche nicht gefunden werden. Nichts deutet auf den Verbleib des kleinen Mädchens hin, aber Frances‘ hat seit dem tiefe Schuld- und Schamgefühle, die sie sich selbst nicht oder nur unzureichend erklären kann.

    Charaktere:
    Frances Parry ist eine junge Frau, die unter ihren Schuld- und Schamgefühlen beinahe zusammen zu brechen droht. Zunächst ist mir als Leser keineswegs bewusst, warum sie diese Gefühle haben sollte. Sie behauptet sich in einem Männerberuf, hat sich – obwohl dies in jener Zeit sicher nicht als üblich zu bezeichnen ist – von ihrem Ehemann getrennt und kümmert sich liebe- und aufopferungsvoll um den kleinen Davy, der nicht ihr eigenes Kind ist. Ich habe sie am Anfang des Buches als eine Frau ohne jegliches Selbstwertgefühl wahrgenommen und konnte mir kaum erklären, welche Schuld sie auf sich geladen haben könnte, die diese Charaktereigenschaft untermauern würde. Im Laufe des Romans beginnt der Leser aber zu verstehen, worin Frances‘ Problem liegt. Als die Leiche ihrer damals besten Freundin Wyn auftaucht, begibt sich Frances auf eine Reise in ihre eigene Vergangenheit um Wyns Tod und die Umstände aufzuklären, wie es dazu kam. Dabei reißt sie in ihrer Seele alte Wunden auf und stellt sich ihren größten Dämonen, bis sie die Erklärung (und hoffentlich ihren Frieden) findet.

    Die deutlich ältere Carys, Davys Mutter, ist eine alkoholabhängige, furchtbar verlebte und unsympathische Frau, die Frances Schuldgefühle nährt, indem sie sie für das Verschwinden des kleinen Davy verantwortlich macht. Während Frances jedoch Tag um Tag nach Davy sucht, tut Carys gar nichts dafür, gibt den Jungen sogar auf und behauptet, er sei tot. Die ständig wütende Carys wirkt so abstoßend, dass sie mich mit ihrer Selbstgerechtigkeit und ihrer fordernden Art bisweilen wirklich wütend hat werden lassen. Mehr als einmal hatte ich die Frage im Kopf, was sich diese Frau eigentlich einbildet, dass sie so mit Frances umgehen darf. Letztlich hat aber auch sie ihr Päckchen zu tragen, sodass ich sie am Ende des Romans zwar verstehen kann, ihr verzeihen kann ich jedoch nicht. Sie hätte etwas tun können und tat es nicht, möglicherweise weil sie sich für ihr Wissen schämte, und macht stattdessen Frances in gewisser Weise mitverantwortlich.

    In Bezug auf Frances bin ich hin- und hergerissen, ob ich sie mag oder nicht. Im Nachhinein erscheint mir diese Figur aber absolut authentisch. Ich denke, jeder wird nachvollziehen können, was in der kleinen Kinderseele kaputt gegangen war und wie schwer es ist, als Erwachsener an solche tief vergrabenen Erinnerungen wieder heran zu kommen um diese zu verarbeiten. Ebenso empfinde ich Carys zwar als widerlich, aber lebensecht. Ihre Erlebnisse in einem lieblosen Elternhaus mit einem trinkenden und gewalttätigen Vater und die Umstände von Wyns Verschwinden haben sie hart und ungerecht werden lassen.

    Wyn Hughes ist 8 Jahre alt und Frances‘ beste Freundin in 1918. Sie ist ein fröhliches, neugieriges und vor allem angstfreies Kind. Sie reißt die eher schüchterne Frances mit und nimmt sie so, wie sie ist. Im Gegensatz zu Frances, deren Elternhaus sicher nicht wohlhabend, im Gegensatz zu den Hughes aber besser situiert ist, wächst Wyn in ärmlichen und lieblosen Verhältnissen auf. Beide Mädchen verbindet ein Geheimnis, das sie keineswegs verraten dürfen. Zunächst empfinden sie dieses Geheimnis als aufregend und neu, aber irgendwann kommt der Tag, an dem es für die Mädchen eher zur Belastung wird. Dennoch halten beide weiterhin den Mund.
    Für Frances unverständlich ändert sich Wyns Verhalten ihr gegenüber kurz vor ihrem Verschwinden drastisch. Frances fühlt sich ausgeschlossen und abgeschoben, kann aber mit ihren 8 Jahren kaum erklären, woran dies liegen könnte. Als Wyn ausgerechnet nach einem Streit mit Frances verschwindet, macht sich Frances schreckliche Vorwürfe und traut sich dennoch nicht davon zu erzählen – nicht einmal der Polizei sagt sie die ganze Wahrheit.
    Ich mag die beiden Mädchen, wie sie ihren Sommer verbringen, wie sie miteinander umgehen und vor allem wie einfach das Leben erscheint, obwohl die Verhältnisse alles andere als einfach sind. Wyns verändertes Verhalten hat mich zunächst ebenso ratlos sein lassen wie Frances. Aber recht schnell kann man sich eine eigene Theorie entwickeln, woher diese Veränderung rührt und dann mit bangen, ob die Wahrheit ans Licht kommen wird.

    Es gibt recht viele Nebencharaktere, die alle sehr glaubwürdig dargestellt sind. Als Leser kann man sich in diesen Ort, in diese Gemeinschaft der Familien hinein denken und zu großen Teilen auch verstehen. Besonders schön fand ich hierbei, dass der Täter erst sehr spät zu entlarven ist. Die ersten Verdachtsmomente schafft die Autorin mit sehr kleinen Details, sodass ich als Leser die Chance hatte, mit Frances gemeinsam die Wahrheit aufzudecken. Sie wurde nicht einfach präsentiert!

    Historischer / Psychologischer Hintergrund:
    Die Kategorie historischer Roman ist für mich mit diesem Buch nicht gegeben. Zwar sind beide Zeitstränge in der Vergangenheit angesiedelt, aber abgesehen von den Bombenangriffen, die zeitlich korrekt ins Jahr 1942 fallen, hätte man die gleiche Geschichte auch in der Gegenwart erzählen können. Über den ersten und zweiten Weltkrieg erfährt man im Grund nichts, obwohl beide Familien von beiden Kriegen berührt waren. Auswirkungen scheinen sie aber kaum gehabt zu haben, wenn man von der Zerstörung durch die Bomben absieht. Dieser Umstand macht die Geschichte als solche nicht schlechter, jedoch hatte ich mir etwas mehr geschichtlichen Hintergrund erhofft.

    Dafür punktet die Autorin meiner Meinung nach mit feinfühliger Erzählung in Bezug auf die psychologischen Hintergründe ohne diese wirklich zu erklären. Gerade Kinder können schlimme Erlebnisse so weit verdrängen, dass sie meinen, sich daran gar nicht mehr zu erinnern. Nur die Gefühlswelt bleibt an der Oberfläche und sehr deutlich wahrnehmbar. Durch die mangelnde Erinnerung sind diese Gefühle aber nur schwer erklärbar. Heute kann einem bei einer solchen Aufarbeitung ein guter Psychologe helfen. Den hatte Frances nicht und macht sich auf Anraten der einzigen Polizistin, die ihr überhaupt helfen will, auf die Suche nach den Orten ihrer Kindheit. Das Ergebnis ist m.E. sehr gut beschrieben – einfühlsam und nachvollziehbar. So merkt der Leser sehr schnell, dass hinter Frances Schuldgefühlen deutlich mehr steckt als Unsicherheit.

    Schreibstil:
    Ich mag den Schreibstil von Katherine Webb. Er ist einfach zu lesen und sehr flüssig, sodass man sich auf die Geschichte einlassen kann. Etwas schwierig mag es erscheinen, dass Häuser in England Namen haben, dass Straßenzüge u.U. recht ähnliche heißen usw. Aber dies ist eben in England so und man gewöhnt sich daran, insbesondere weil nach einer gewissen Zeit nur noch wenige Örtlichkeiten wirklich relevant sind.

    Die Suche um Davy ist die einzige Teilgeschichte, die mir etwas zu umfassend erscheint, da sie später einfach in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Ich denke, sie dient dazu die persönlichen Verhältnisse zwischen Frances und Carys darzustellen, aber ich glaube, das hätte die Autorin entweder kürzer oder mit anderen Erlebnissen tun können. Andererseits zeigt die Ausführlichkeit der Suche natürlich auf, wie nervenaufreibend dies für Frances gewesen ist.
    Alle anderen Teile der Geschichte sind spannend geschrieben und relativ wenig vorhersehbar. Natürlich kann man mit seinen Vermutungen richtig liegen, oft genug lag ich aber auch daneben und war überrascht, wenn dann die Lösung ans Licht kam.

    Fazit:
    Dieses Buch ist zwar nicht wirklich ein historischer Roman, erzählt aber eine spannende Geschichte über die Suche nach der Wahrheit und der eigenen Vergangenheit auf zwei Zeitebenen. Die Geschichte konnte mich absolut fesseln. Aber aufgrund des mangelnden historischen Aspekts und der etwas ausschweifenden Suche nach Davy vergebe ich 4 von 5 Sternen.

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    janein