vor 2 Wochen

Andrea Schachts Vermächtnis: Ihr letztes Buch

Viel zu früh verstorben: die renommierte Autorin Andrea Schacht und ihr letztes Werk, das 1 1/2 Jahre nach ihrem Tod doch noch seinen Abschluss findet. Foto: privat

Wie ihr Ehemann Dieter Hering-Schacht und die Autorin Julia Freidank Andrea Schachts Werk vollenden

Im Oktober 2017 verstarb die beliebte Autorin historischer Romane Andrea Schacht unerwartet und plötzlich. Buchhändler und Leser waren geschockt. Und auch ein wenig in Sorge um das literarische Vermächtnis der bekannten Bestsellerautorin.

Eine große Fangemeinde hatte sich Andrea Schacht mit ihrer Mittelalter-Reihe rund um die Kölner Begine Almut erschrieben. Zuletzt begeisterte sie mit einer Serie um die Mühlheimer Fährmannstochter Myntha. Starke Frauenfiguren, historische Schauplätze und spannende Kriminalhandlungen waren ihre Spezialität - immer gut recherchiert, clever und mit Witz und Charm erzählt.

Nach Bekanntwerden ihres Todes war die Unsicherheit der Fans groß: Würde Myntha weiterleben oder war sie mit Andrea Schacht gestorben? Der bereits fertige vierte Band der Reihe ("Mord im Badehaus") erschien einige Monate später nach Plan. Doch wie ihr Ehemann Dieter Hering-Schacht im Interview erzählt, hatte Andrea Schacht Band 5 ("Das Erbe der Kräuterfrau") nicht mehr vollenden können. Jetzt erscheint er exklusiv bei Weltbild.

Julia Freidank (Pseudonym), vielfach veröffentlichte Autorin von Romanen und Sachbüchern, erzählt Mynthas Geschichte zu Ende. In "Das Erbe der Kräuterfrau" ermittelt Myntha nach dem Tod der Kräuterfrau Sybilla und gerät dabei selbst in die Fänge von Entführern. Und das ausgerechnet kurz vor ihrer Hochzeit. Ob es trotzdem noch mit einem Happy End für sie und ihren Rabenmeister Frederic klappt?

Andrea Schachts Ehemann Dieter Hering-Schacht und Co-Autorin Julia Freidank; Fotos: © Christa Bartl / privat

Dieter Hering-Schacht: "Ich hoffe, die LeserInnen freuen sich jetzt auf das wahre Ende der Myntha-Geschichte und können dabei nochmal an die mit Leib und Seele begeisterte Geschichtenerzählerin Andrea denken."

Wie weit war die Arbeit Ihrer Frau an Band 5 der Myntha-Reihe, „Das Erbe der Kräuterfrau“, damals gediehen?

Dieter Hering-Schacht: Einen Tag nach dem Tod meiner Frau (+ 26.10.2017) habe ich ihren Rechner eingeschaltet und fand u.a. unter den zuletzt bearbeiteten Dokumenten das Manuskript von Myntha 5 in der Rohfassung – etwa bis zur Hälfte war der Text geschrieben und die weiteren Kapitel waren inhaltlich skizziert. Ich hatte danach ein Telefonat mit ihrem Agenten bei der Agence Hoffman in München und teilte ihm mit, dass meine Frau verstorben sei. In dem Telefonat meinte der Agent spontan, dass er den Vertrag über das offene letzte Buch beim Verlag kündigen werde – dies wäre in diesem Fall kein Problem. Jetzt hatte ich gerade den Text gesehen und ich fragte, ob man das Buch nicht besser fertig schreiben solle. Daraus ergaben sich Überlegungen, wie dies geschehen kann und am Ende der Vorschlag, dass in Absprache mit dem Verlag eine Co-Autorin die Arbeit übernehmen soll, die auch Erfahrung in Hinblick auf historische Romane hat. So kam es zur Zusammenarbeit mit Julia Freidank, der ich für ihre Arbeit und das tolle Zusammenwirken sehr dankbar bin.

Hatte Ihre Frau ein Anliegen, was mit ihrem unvollendeten Werk geschehen sollte?

Dieter Hering-Schacht: Meine Frau hat bis Mitte Juli noch an dem Manuskript selbst gearbeitet, wobei ihr die Arbeit an den letzten Kapiteln immer schwerer fiel, zumal sie zu diesem Zeitpunkt bereits schwach war und der erste von vier Krankenhausaufenthalten hinter ihr lag. Wir haben immer viel über ihre Geschichte gesprochen, an der sie gerade gearbeitet hat. In diesem Fall ging es allerdings langsam voran und ihr ehemaliger Arbeitsschwung war nicht mehr da. Sie hat mir allerdings immer wieder gesagt, dass ich unbedingt die ganzen Myntha-Bände inhaltlich kennen müsste, wenn wir über den Ausgang der Geschichte sprechen wollen. Die wahre Bedeutung dieses Hinweises habe ich dann bei der Zusammenarbeit mit Julia Freidank gemerkt – hier kam es durch Julia zu einigen Nachfragen, die nur lösbar waren, wenn man das ganze Material um die Myntha-Geschichte herum kennt.

Meine Frau selbst hatte keine Ansage gemacht, was mit der offenen Geschichte werden sollte. Dafür ist sie am Ende zu unerwartet und plötzlich hier zuhause verstorben. Mir wurde nach ihrem Tod klar, dass das letzte Buch fertig geschrieben werden sollte, um den Schlussstein der Myntha-Serie zu setzen. Ich weiß allerdings, dass es nach Myntha keine weitere Serie aus dem Mittelalter Kölns mehr geben sollte – sie wollte diese Zeitepoche verlassen.

Gibt es noch mehr unveröffentlichte Manuskripte, die evtl. noch verlegt werden?

Dieter Hering-Schacht: Dies ist das letzte unveröffentlichte Werk von Andrea Schacht – und gleichzeitig der Abschluss der Serie über Myntha. Der vierte Band erschien bereits nach ihrem Tod im Februar 2018 und mir ist aufgefallen, dass in einigen Rezensionen kritische Anmerkungen waren, die das unzureichende Ende der Myntha-Reihe im Band 4 beklagten. Es war inzwischen bekannt, dass Andrea nicht mehr lebte und dadurch entstand der Eindruck, dass Band 4 wohl der letzte von ihr herausgegebene Band der Serie sei – deshalb war es für mich so wichtig, dass der wirklich letzte Band fertig geschrieben wird und noch herauskommt. Allen Beteiligten aus der Agentur und den Verlagen danke ich für die gute Unterstützung. Ich hoffe, die LeserInnen freuen sich jetzt auf das wahre Ende der Myntha-Geschichte und können dabei nochmal an die mit Leib und Seele begeisterte Geschichtenerzählerin Andrea denken.

Sie haben Andrea Schachts letzten Roman, „Das Erbe der Kräuterfrau“, vollendet. Wie sehr waren Sie mit Frau Schachts Werk vorher vertraut? Kannten Sie Frau Schacht?

Julia Freidank: Ich habe Andrea Schacht leider nicht mehr persönlich kennen gelernt, aber natürlich kannte ich ihre Bücher. Wer nicht? Als ich von ihrem Tod hörte, war ich tief betroffen. Ich mochte ihre witzige, geistreiche Art, ihre spannenden Plots und ihre Charaktere – sie war einfach eine wunderbare Erzählerin. Später stellte ich dann fest, dass wir die Liebe zum Kampfsport und zu Katzen teilten. Ich habe mit Dieter auch über seine verstorbene Frau gesprochen, weil mir wichtig war zu wissen, wie sie sich das Buch gewünscht hätte. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mich auch mit der Person Andrea Schacht bekannt gemacht hat.

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Julia Freidank: "Man muss den Stil gut kennen und die Tonart beherrschen."

Wie sind Sie an die Aufgabe herangegangen? Stand der Handlungsstrang des Romans fest? Und ist es nicht schwer den Stil eines anderen Autors zu „kopieren“?

Julia Freidank: Ich habe zuerst noch einmal die vorhandenen Bände gelesen – dieses Mal nicht als Leserin, sondern mit den Augen einer Lektorin. Einerseits musste ich Andrea Schachts Welt wirklich gut kennen, andererseits auch wissen, wie sie schrieb, wie sie bestimmte Situationen sprachlich löste. Aber vor ging ich ans Schreiben heran wie ans Improvisieren mit einem Musikstück: Man muss den Stil gut kennen und die Tonart beherrschen. Der äußere Handlungsstrang stand fest, es gab einen kurzen, wenige Zeilen langen Abriss für jedes Kapitel. Dort, wo zum Beispiel über die Motivation von Figuren nichts gesagt war, habe ich das in Absprache mit Dieter ergänzt. Das war vor allem bei neuen Figuren – bei denen, die aus den Vorgängerreihen schon bekannt waren, haben wir manchmal auch kleine Telefonkonferenzen gehalten, wenn es darum ging, was eine Figur tun würde und was nicht.

Sich in die Welt, in die Sprache einer anderen Autorin einzufühlen ist eine Herausforderung und ein Privileg gleichermaßen. Man wird da in einen sehr persönlichen Bereich eingelassen. Wenn man einen Autor intensiv liest und er eine eigene Melodie hat, ist es viel leichter, seinen Stil nachzuempfinden, als bei solchen, die keinen typischen Tonfall haben. Und natürlich ist es immer gut, wenn man den Autor und die Geschichte mag! Andrea Schacht schrieb auf eine sehr charakteristische und eigenständige Art, zu der ich schnell einen persönlichen Draht hatte. Insofern fiel es mir gar nicht schwer, sondern machte wirklich Spaß. Es war eine sehr schöne, wirklich bereichernde Erfahrung, in ihrer Welt zu Gast sein und sie mitgestalten zu dürfen.

Sie haben sich intensiv mit Frau Schachts Werk auseinandergesetzt. Was macht sie unvergessen?

Julia Freidank: Im historischen Roman gibt es sehr unterschiedliche Autoren, die sich an unterschiedliche Leserschaften wenden und alle in ihrem Bereich gut sind. Ich mochte an Andrea Schacht ganz besonders ihren Humor und ihre Figuren. Sie hatte einen sehr eigenen Stil, und die typische Kombination von menschlich und sympathisch gezeichneten Figuren und solider Recherche machte ihre Bücher besonders. Ihre Geschichten waren durchdacht und lebendig, aber vor allem bekam man schnell das Gefühl, das Milieu schon jahrelang zu kennen. Die Orte wurden einem auf eine ganz persönliche Weise lieb: wie ein Urlaubsort, den man immer wieder besucht, mit seinen vertrauten Plätzen, dem Lieblingscafé und dem netten Buchhändler an der Ecke. Sie schaffte es in ihren Büchern, einen Mikrokosmos zu gestalten, der unglaublich lebensecht und intim wirkt. Dadurch hat sie das Genre geprägt.

1 Kommentar
  • An L., 13.05.2019

    Immer schon seit der traurigen Nachricht, dass Andrea Schacht, die geliebte Geschichten-Erzählerin, uns
    verlassen hat, habe ich mich gefragt, ob sie Notizen hinterlassen hat damit wir hören, wie es Myrtha,
    ihrer Familie und ihren Freunden ergangen ist. Vielen Dank für die gute Nachricht, ich habe das Buch
    sofort bestellt, freue mich, es zu lesen und danke den geistigen Erben recht herzlich dafür, dass sie
    uns nicht bei einer Geschichte verlassen die, wie man auf Französich so schön sagt, mit einem Fisch-
    schwanz endet ! Tante An