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Boris Vian: Literarischer Anarchist mit Trompete

Universalgenie oder Allround-Dilettant - das Urteil über den Romancier, Lyriker und Musiker fällt unterschiedlich aus. Boris Vian, der über eine schier unerschöpfliche Schaffenskraft verfügte, starb am 23. Juni 1959 | Foto: Archiv Klaus Wagenbach

Ein Leben im Schnelldurchlauf

Er war Romancier, Lyriker und verfasste satirische Theaterstücke. Er spielte Trompete in einer Jazz-Band, schrieb und sang Chansons, versuchte sich als Schauspieler und arbeitete als Übersetzer. Und nicht zuletzt machte er sich als galliger Chronist der französischen Nachkriegszeit, als unbequemer Provokateur und Aktivist der Pariser Existenzialisten-Szene rund um Jean-Paul Sartre einen Namen. Vor 60 Jahren, am 23. Juni 1959, starb das kreative Multitalent – im Alter von nur 39 Jahren. Boris Vian, im gelernten Beruf Ingenieur, lebte intensiv, vielleicht zu intensiv. Die künstlerische Hinterlassenschaft dieses kreativen Chamäleons ist beeindruckend. In Frankreich, aber auch in Deutschland genießt Vian längst Kultstatus. Als überzeugter Pazifist, Kritiker von weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten, als Mahner vor bürokratischen Auswüchsen und sinnlosen Mega-Projekten würde er eigentlich perfekt in die heutige Zeit passen: Berliner Flughafen, Missbrauchs-Affäre, Gorch Fock, Stuttgart 21, Diesel-Skandal, Energie-Wende … Und in Frankreich hätten die Gelbwesten eine charismatische Leitfigur.

Boris, der Antimilitarist

In all seinen Werken, insbesondere in seinen Chansons mit tagespolitschen Themen, nahm Boris Vian kein Blatt vor den Mund. Damit gewann er nicht nur Bewunderer und Förderer, wie z.B. Jean-Paul Sartre. Vor allem aus seinem Hass auf alles Militärische machte Vian nie einen Hehl, im Gegenteil. So veralbert er im Theaterstück „Abdeckerei für alle“ die verlustreichen Kämpfe um die Landung der Alliierten in der Normandie 1944, indem er deutsche und amerikanische Soldaten gemeinsam Karten spielen und Calvados trinken lässt, während Artilleriegeschosse gefährlich über das Dach des französischen Hauses pfeifen. Und in seinem berühmten Chanson „Der Deserteur“ fordert Vian unmissverständlich: „Verweigert Krieg, Gewehr. Verweigert Waffentragen. Ihr müsst schon etwas wagen. Verweigert das Militär!“

Boris, der Bürokraten-Schreck

Vian, während des Zweiten Weltkrieges u.a. als Ingenieur in der Abteilung Glas des französischen Normenausschusses tätig, griff sicherlich auch persönliche Erfahrungen auf, um in einigen seiner Werke die ganze Verachtung für übertriebene bürokratische Strukturen deutlich werden zu lassen. Die in seinen Romanen geschilderte Welt wird geprägt von Absurditäten, sinnlosen Beschäftigungsprojekten, Missverständnissen und starren Hierarchien. So beschreibt er etwa in „Drehwurm, Swing und das Plankton“ die Arbeitsweise eines „Nationalen Konsortiums für die Unifikation“, dessen Mitarbeiter nichts anderes produzieren als sogenannte „Nothons“ – mausgraue Hefte, die alle Formen der menschlichen Aktivität zu regeln versuchen. Und die zum Schluss als unnütze Vermerke in den Archiven verstauben – auch deshalb, weil ohnehin Jahre zu ihrer Entschlüsselung notwendig wären. Ein ähnlich nutzloses Projekt schildert Vian in seinem Roman „Herbst in Peking“. Eine Expedition von Ingenieuren, Arbeitern und Verwaltungsspezialisten erhält den Auftrag, mitten in „Exopotamien“, einer menschenleeren Wüste, eine Eisenbahnlinie zu bauen. Nach zu erwartenden Schwierigkeiten während der Planungs- und Errichtungsphase verschluckt der Wüstensand beim Probelauf nicht nur das Endprodukt, den Schienenstrang samt Lokomotive, sondern auch einen Großteil der Schaffenden.

Boris, der Romantiker

Liebe und Leidenschaft spielen in fast allen Werken von Boris Vian eine große Rolle, allerdings unter oft ungewöhnlichen Umständen und in noch ungewöhnlicheren Formen. Zur Vianschen Romantik gehören dabei auch eher düstere Elemente wie Wahn und Tod. In „Der Schaum der Tage“, dem wohl bekanntesten Roman Vians, lässt sich dies wunderbar nachvollziehen. Das Buch wurde übrigens 2013 mit Audrey Tautou großartig verfilmt.

Nicht ohne Grund rühmte Simone de Beauvoir die „große Zärtlichkeit“ des Romans – und in der Tat opfert sich der lebenshungrige und technikvernarrte Romanheld Colin förmlich auf für seine geliebte Chloe. Denn die Schöne plagt eine seltene, mysteriöse Krankheit: In ihre Lunge wächst eine Seerose.

Chloes zunehmende Qualen lassen sich nur dann lindern, wenn ihr Krankenbett permanent von frischen Blumen umgeben ist. Aber auch die gigantischen Blumeneinkäufe Colins, die ihn an den Rand des finanziellen Ruins treiben, können den Verfall Chloes und ihren sich ankündigenden Tod nicht aufhalten. Und so endet ein über lange Strecken quicklebendiger, höchstvergnüglicher, surrealistisch angehauchter Roman recht traurig.

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Boris, der Kriminalist

Dass Provokation und Übertreibung in den Werken des literarischen Tausendsassas groß geschrieben werden, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in Vians Kriminalromanen, die er zunächst unter dem Pseudonym Vernon Sullivan veröffentlichen ließ. In Thrillern wie „Ich werde auf eure Gräber spucken“, „Tote haben alle die selbe Haut“ oder „Wir werden alle Fiesen killen“ treffen wir auf ziemlich abstoßend wirkende Macho-Typen, die nicht nur über Leichen gehen, sondern auch ordentlich einstecken müssen.

Diese Romane, ursprünglich gedacht als französische Antwort auf eine bestimmte Gattung amerikanischer Kriminal-Stories, veralbern mit ihren herrlich übertriebenen klassischen Stilelementen im Grunde ein ganzes Genre und entlarven zugleich die Sensationslüsternheit und Brutalitätsgier der Leserschaft.

Auf jeden Fall macht die Lektüre von Vians Hard-Boiled-Krimis einen Riesenspaß. Die hohe Dosis prickelnder Action, kombiniert mit reichlich Gassenerotik und detaillierten Prügelszenen – das alles ist höchst unterhaltsam!

Boris, der Anarchist

Vom Parlamentarismus hielt Boris Vian wenig. „Die einzig wahre Methode, einen Parlamentarier zu kaufen, ist die direkte“, schrieb er. „Und denen, die uns fragen: Muss man ihn lebend kaufen oder schon geschlachtet? antworten wir: Wählen Sie die zweite Lösung!“

Anarchist war Vian nicht nur, was Politik betraf. Auch auf den in mehreren Romanen und Erzählungen beschrieben „Surprise-Parties“ geht es durchaus anarchistisch zu. Die Vergnügungssüchtigen treffen sich in luxuriösen Wohnungen, natürlich in Abwesenheit des jeweiligen Hausherren, und plündern dort die gut gefüllte Hausbar. Oder sie mischen sich heimlich unter ganz offiziell geladene Partygäste, um dann – nach einem exakten Plan – mit unkonventionellen Mitteln die geladenen Snobs außer Gefecht und an die Luft zu setzen. Die darauffolgenden Ausschweifungen sollen nur mit drei Begriffen angedeutet werden: Jazz, Cognac, Sex.

Boris, der Hoffende

Auch wenn man Boris Vian als lebenshungrig bezeichnen darf, kokettierte er doch oft mit dem Tod und der Vergänglichkeit. „Ich sterbe mal an Wirbelsäulenkrebs“ heißt ein Text von ihm, in dem er sich genüsslich die ausgefallensten Todesarten ausmalt.

Es war wohl eher schwarzer Humor als Todessehnsucht, denn Boris Vian hegte durchaus Hoffnungen – die er allerdings auf die Zeit vor dem Ende richtete.