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Die Waringham-Saga von Rebecca Gablé - wie alles begann

Foto: © Olivier Favre

„Teufelskrone": Die Vorgeschichte des Hauses Waringham

Der Leseherbst wartet mit einem echten Highlight auf - auf diesen Roman dürfen sich die Fans von historischen Schmökern freuen. Vor allem die Leser, die seit „Das Lächeln der Fortuna" jeden neuen Waringham-Roman aus der Feder von Bestsellerautorin Rebecca Gablé verschlungen haben. Mit „Das Lächeln der Fortuna" gelang Gablé 1997 der literarische Durchbruch, der historische Roman verkaufte sich gleich im ersten Jahr nach seinem Erscheinen 200.000 Mal. Es folgten weitere Verkaufsschlager - nicht alle spielten im englischen Königreich. Doch Gablé blieb dem Hause Waringham, den Protagonisten ihres ersten Erfolgsromans, treu und hat insgesamt sechs Waringham-Romane veröffentlicht. Der neue sechste Band heißt "Teufelskrone", führt uns ins England des 12. Jahrhunderts und erzählt erstmals die Vorgeschichte der Waringhams. Lesen Sie hier unser Interview mit der sympathischen Autorin.

Rebecca Gablé: „Richard Löwenherz war eiskalt"

Frau Gablé, das Haus Waringham kennen Ihre Leser gut! Wir verfolgen seine Geschichte quasi seit Jahrhunderten. Im neuen, sechsten Waringham-Roman „Teufelskrone“ gehen Sie noch weiter zurück in der Vergangenheit, ins ausgehende 12. Jahrhundert.

Rebecca Gablé: In England herrscht der „böse“ König John, den wir vor allem aus der Robin Hood-Sage kennen. Warum ist John Plantagenet als der böse Bruder und Richard Löwenherz als der gute in die Geschichte eingegangen? Weil die mittelalterlichen Chronisten uns diese Wertung hinterlassen haben. Richard war ein Kreuzfahrer, der zumindest versucht hat, das heilige Jerusalem von den „Heiden“ zurückzuerobern, und das fanden die Chronisten – ausnahmslos Kirchenmänner – natürlich großartig. Darum waren sie gewillt, ihm ein gutes Zeugnis auszustellen und seine Verfehlungen unter den Teppich zu kehren, zum Beispiel seine Grausamkeit oder das schlimmste Versäumnis, das ein König im Mittelalter begehen konnte, nämlich keinen Sohn und Thronfolger zu hinterlassen. Außerdem war Richard ein blonder Hüne, dem auf dem Schlachtfeld niemand das Wasser reichen konnte, und zumindest in der Hinsicht entsprach er dem Herrscherideal seiner Epoche. John hingegen war einen Kopf kleiner und schon äußerlich keine solche Präsenz. Außerdem hat er militärisch oft versagt, die Normandie an Frankreich verloren und einen sechsjährigen Kirchenbann auf England herabbeschworen, währenddessen niemand heiraten, eine Kirche betreten oder in geweihter Erde begraben werden konnte. Dementsprechend vernichtend war das Urteil der frommen Chronisten.

War König John so habgierig und skrupellos wie man dank der Robin Hood Sage heute denkt? Was ist wahr an der Legende um ihn und was vielleicht nicht?

Rebecca Gablé: Er war ganz sicher skrupellos, aber nicht schlimmer als Richard. Doch während Richards Gräueltaten immer eiskalt kalkuliert waren und einem politischen oder militärischen Zweck dienten, waren Johns oft impulsiv und nicht nachvollziehbar. Der Mord an seinem Neffen Arthur von der Bretagne, vermutlich von eigener Hand ausgeführt und vielleicht Johns schlimmstes Vergehen, war sinnlos und obendrein ein Eigentor, der Anfang vom Ende seiner Herrschaft über die Normandie. Und danach verfiel er in Depression und Lethargie. Er hatte durchaus ein Gewissen, nur meldete es sich leider immer zu spät. Auch der Vorwurf der Habgier ist berechtigt. John hat die Engländer erbarmungslos ausgepresst und immer neue Steuern erfunden – das war einer der Hauptgründe für den Aufstand der Barons –, aber nicht, um sich ein schönes Leben von dem vielen Geld zu machen, sondern um damit die Normandie zurückzuerobern, was nach damaliger Auffassung seine Pflicht war. John war ein labiler Charakter, der sein Leben lang darunter litt, in Richards Schatten zu stehen. Viele Indizien sprechen dafür, dass er alkoholkrank war. Aber er war hoch intelligent und für einen mittelalterlichen Herrscher verblüffend fleißig. Im Gegensatz zu Richard hatte er ein echtes Interesse an England, er besaß exzellente juristische Kenntnisse und hat mit Kompetenz und Engagement Recht gesprochen. Anders als der John der Robin Hood-Sage war er auch kein Feigling, im Gegenteil. Er besaß großen persönlichen Mut, und viele Zeitgenossen haben sein taktisches Geschick gelobt. Dass er trotzdem viele Schlachten verlor, lag meistens daran, dass Verbündete ihm im entscheidenden Moment den Rücken kehrten, denn wegen seines herben Charmes gelang es ihm nur selten, echte Loyalität zu wecken.

Rebecca Gablé zum Thema Brexit: „Beängstigend, dass es zunehmend Populisten und verantwortungslose Egomanen sind, die die Politik des Landes bestimmen."

Sie sind in vielerlei Hinsicht England-Expertin, beschäftigen sich für Ihre Romane seit Jahrzehnten intensiv mit dem Königreich und seinen Bewohnern. Wie stehen Sie zum Brexit? Ist er „typisch britisch“?

Rebecca Gablé: Das ist er ganz sicher. Die Wurzeln liegen allerdings nicht im Mittelalter, wo England eng mit Frankreich und dem übrigen Europa verwoben war, sondern in der Zeit des Empire. Vor allem seit dem 19. Jahrhundert hat Großbritannien mit Europa gefremdelt und sich in seinen internationalen Beziehungen auf seine Kolonien bzw. später die Nationen des Commonwealth und seine „special relationship“ mit den USA konzentriert. Aus europäischen Angelegenheiten hielt es sich lieber heraus und zelebrierte seine geografische und politische „splendid isolation“. Nun haben wir aber das 21. Jahrhundert, und es ist symptomatisch für den Realitätsverlust mancher britischer Politiker, sich auf Denkmuster zu berufen, die vielleicht vor 200 Jahren funktioniert haben. Großbritannien hat bereits jetzt ein massives Armutsproblem – jedes fünfte Kind ist unterernährt – und die Folgen des Brexit für die britische Wirtschaft sind im Grunde unkalkulierbar. Ich finde es beängstigend, dass es zunehmend Populisten und verantwortungslose Egomanen sind, die die Politik des Landes bestimmen. Meine einzige Hoffnung ist, dass die Briten es im Laufe der vergangenen Jahrhunderte mehrfach geschafft haben, sich selbst und den Rest der Welt zu verblüffen, indem sie sich aus scheinbar hoffnungslosen Situationen erhoben haben wie der Phönix aus der Asche.

Wie müssen wir uns Ihr Arbeitszimmer vorstellen? Hängt dort ein großer Waringham-Stammbaum an der Wand? Oder haben Sie alle Familienmitglieder und Verbindungen über die Jahrhunderte hinweg im Kopf?

Rebecca Gablé: An der Wand hängt ein Stammbaum der „Kings and Queens of England“ von Alfred dem Großen (871 – 899) bis zu Elisabeth II. Die Generationen der Waringham habe ich einigermaßen im Kopf, aber zur Sicherheit ist bei der Arbeit immer auch ihr Stammbaum in Reichweite.

Held des neuen Roman ist Yvain of Waringham. Liegt ihm – wie vielen seiner Nachfahren - die Gabe im Blut mit Pferden umzugehen?

Rebecca Gablé: Ja, Yvain ist ein Pferdeversteher, aber er weiß nichts davon. Wenn ihn jemand fragt, wieso er weiß, was einem Pferd fehlt oder was in ihm vorgeht, zuckt er die Schultern und sagt: „Keine Ahnung, vermutlich Erfahrung.“ Die Gabe ist bei ihm noch nicht so stark ausgeprägt wie bei manchen seiner Nachfahren, aber trotzdem bestimmt sie seinen Werdegang an König Johns Hof.

„Teufelskrone“ spielt chronologisch rund 160 Jahre vor dem eigentlich ersten Waringham-Roman „Das Lächeln der Fortuna“ von 1997 – dürfen wir hoffen, dass hier noch Platz ist für eine weitere Waringham-Generation dazwischen?

Rebecca Gablé: In den turbulenten Zeiten, die nach 1216 folgen, ist auf jeden Fall noch reichlich Stoff für weitere Romane, und ich habe mit dem Thema Waringham keineswegs abgeschlossen. Aber für mein nächstes Buch habe ich andere Pläne.

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Die chronologische Reihenfolge - ein Überblick über alle sechs Waringham-Bände

  • NEU: Teufelskrone (Band 6), erscheint am 30.08.2019: Die Handlung spielt ab 1193 zu Zeiten von König Richard Löwenherz und seinem Bruder König John.
  • Das Lächeln der Fortuna (Band 1), 1997: Spielt ab 1360: Wie alles begann…
  • Die Hüter der Rose (Band 2), 2005: Ab 1413 während des Hundertjährigen Kriegs
  • Das Spiel der Könige (Band 3), 2007: Ab 1455 während der Rosenkriege
  • Der dunkle Thron (Band 4), 2011: Ab 1529 zur Zeit der Reformation und Heinrich VIII.
  • Der Palast der Meere (Band 5), 2015: Ab 1560 während der Herrschaft von Elizabeth I.
1 Kommentar
  • Stephanie E., 23.08.2019

    Habe bis auf das Neueste Werk die "Teufelskrone" alle Bücher von Rebeca Gable´ gelesen und bin richtig süchtig nach den Geschichten aus Waringham und den Bewohnern. Habe mir die meisten auch als Hörbuch geholt. Das ist nochmals ein besonderes Erlebnis. Ich hoffe, dass Rebecca Gable´noch viele spannende Geschichten erzählen kann, denn für mich ist sie eine der Besten. Ich bin schon sehr gespannt auf die neue Geschichte aus Waringham und kann den 30.8.19 kaum noch erwarten.