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Viva Venezia: Donna Leons neuer "Brunetti"

Foto: Gaby Gerster / © Diogenes Verlag

1993 schlug die Geburtsstunde von Commissario Brunetti. Sein erster Fall mit dem Titel „Venezianisches Finale“ setzte jedoch kein Ende, sondern war vielmehr den Auftakt für eine große literarische Erfolgsgeschichte. Im Mittelpunkt: Der kultivierte, ruhige und feinsinnige Kommissar Brunetti, der Gewaltverbrechen vor der malerischen Kulisse der italienischen Lagunenstadt Venedig aufklärt. Über die Jahre ist der Teenagervater kaum gealtert. Nur reifer sei er geworden, sagt die Autorin Donna Leon im Interview.

Zuletzt erschien der inzwischen 27. (!) Fall des Kultkommissars, „Heimliche Versuchung“, der ab sofort auch als günstige Weltbild-Ausgabe erhältlich ist. Denn Brunettis Schöpferin, die Amerikanerin Donna Leon, schreibt auch mit 76 Jahren unermüdlich weiter. Band Nummer 28, „Ein Sohn ist uns gegeben“, steht bereits in den Startlöchern, er erscheint am 22. Mai.

Ihrer Wahlheimat Venedig selbst hat Donna Leon schon seit einigen Jahren den Rücken gekehrt, obwohl sie die Stadt, wie sie selbst sagt, nach wie vor sehr liebt. Heute lebt sie in den Schweizer Bergen, macht aber regelmäßige Abstecher in ihre Lagunenstadt, um Freunde zu treffen und Klatsch zu hören. Eine wichtige Inspirationsquelle für Leon wie sie im Interview erzählt. So erfuhr sie im Gespräch mit Freunden von einer neuen Methode der Drogendealer im Viertel ihre Geschäfte abzuwickeln. „Ich war auf eine Goldader gestoßen, und hatte damit den Ausgangspunkt für mein neues Buch.“

In „Heimliche Versuchung“ erfährt Brunetti nämlich von einer Kollegin seiner Frau Paola, dass deren 15jähriger Sohn Drogen aus dem Umfeld der teuren Privatschule bezieht. Zusammen mit den liebgewonnenen Kollegen Inspektor Vianello, Signorina Elettra und einer neuen Kollegin aus Sizilien, Claudia Griffoni, kommt Brunetti einem ausgeklügelten System auf die Schliche, in dem Jugendliche am Kiosk direkt vor der Schule mit Drogen beliefert werden.

Foto: Gaby Gerster / © Diogenes Verlag

Donna Leon im Interview über die Probleme der Kleinstadt Venedig und das kritische Verhältnis der Italiener zur Politik

In Heimliche Versuchung begegnet Brunetti einem Drogenhändler, einem zwielichtigen Apotheker, einem Teenager in Nöten und einer geplagten Mutter. Wo haben Sie diese Leute kennengelernt?

Donna Leon: Wie es in kleinen Städten öfter passiert, stellte ich mich dazu, als sich Freunde auf der Straße unterhielten. Sie sprachen von einer neuen Methode der Drogendealer, im Viertel ihre Geschäfte abzuwickeln, vor aller Augen und wohl auch mit dem Wissen der Polizei. Wenn das kein Stoff für eine Geschichte war. Ich wusste sofort, ich war auf eine Goldader gestoßen, und hatte damit den Ausgangspunkt für mein neues Buch. Und während ich daran schrieb, weitete das Thema sich aus bis hin zu Machenschaften, die sich in einer Apotheke zutrugen.

Donna Leon: "So unglaublich schön diese Stadt auch ist, sie hat dieselben Probleme wie jede andere Kleinstadt."

Einmal mehr hat Sie der venezianische Alltag inspiriert?

Donna Leon: Je näher meine Geschichten an der Wirklichkeit sind, desto besser. Auf viele meiner Themen bin ich im Gazzettino gestoßen, jener Fundgrube für Klatsch, die ich wie jeder Venezianer täglich mit Vergnügen studiere. Oft löst ein einziger Artikel in dieser Lokalzeitung eine Lawine von Gerüchten aus. Den Besuchern, die von der Geschichte und Schönheit Venedigs überwältigt sind, ist kaum je bewusst, dass die Stadt nur 54 000 Einwohner hat − mit einer einzigen Einnahmequelle: dem Tourismus. Hinzu kommen Überalterung, eine hohe Arbeitslosigkeit, enorme Schwierigkeiten, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Kurz: So unglaublich schön diese Stadt auch ist, sie hat dieselben Probleme wie jede andere Kleinstadt. Der Alltag in Venedig unterscheidet sich kein bisschen vom Alltag anderswo, nur dass er sich hier inmitten grandioser Schönheit abspielt.

Im vorigen Roman hat Brunetti eine Auszeit genommen. Ist er jetzt wieder an der Arbeit?

Donna Leon: Ja, in Stille Wasser hat er eine Art Urlaub in der Lagune gemacht, jetzt ist er wieder mittendrin im Getümmel und bekommt es mit einer Ermittlung zu tun, die immer größere Ausmaße annimmt.

Privat lädt er seine Batterien mit Lesen auf?

Donna Leon: Brunetti mag die griechischen und römischen Klassiker. Mehr denn je sucht er bei ihnen Erkenntnisse über menschliches Tun und Hoffen. Immer wieder findet er Hinweise darauf, dass die Menschen von damals uns sehr ähnlich waren, dass sie dieselben Sorgen und Schwächen hatten wie wir. Dies ist ein Trost für ihn, wenn auch ein schwacher. In Heimliche Versuchung liest er Antigone, eine Tragödie, in der es um Recht und Gerechtigkeit geht und die Figuren am Scheideweg stehen. Brunetti fällt auf, dass jeder Einzelne in dem Stück – genau wie im wirklichen Leben – darauf besteht, selbst zu entscheiden, was recht und billig für ihn ist. Und da die Figuren sehr unterschiedliche Auffassungen davon haben, muss Brunetti zwischen ihren Standpunkten entscheiden.

Donna Leon: "Mir fällt auf, dass Brunetti, so wie die Bücher mit den Jahren an Reife gewonnen haben (so hoffe ich jedenfalls), sich immer mehr dafür interessiert, warum die Menschen etwas tun."

Brunetti hat Jura studiert, aber je älter er wird, desto mehr scheint er die Klassiker dem Codice Penale (Strafgesetzbuch) vorzuziehen?

Donna Leon: Gesetze sind ihrem Wesen nach Auslegungssache. Als Jurist weiß Brunetti, wie vage und interpretationsbedürftig Gesetze sein können. Als Polizist jedoch muss er sie nicht bis ins Letzte aufdröseln, sondern nur für Ordnung sorgen. Doch weil er die Dinge in Frage stellt, weiß er, dass der Buchstabe des Gesetzes noch so klar sein mag: Menschliche Beweggründe sind widersprüchlich, und das Leben ist chaotisch. Mir fällt auf, dass Brunetti, so wie die Bücher mit den Jahren an Reife gewonnen haben (so hoffe ich jedenfalls), sich immer mehr dafür interessiert, warum die Menschen etwas tun. Genau genommen ist es uninteressant zu erfahren, wer ein Verbrechen begangen hat: Das ist nur ein Name. Viel spannender sind die Motive für ein Handeln, das die Gesellschaft gemeinhin als Verbrechen betrachtet.

Donna Leon: "Nach meiner Überzeugung können die meisten Leute so ziemlich alles rechtfertigen, ganz gleich, wie böse es ist;"

Mehrere Personen in dem Buch verstoßen gegen Gesetze, um ihre Familie zu schützen. Als Familienmensch bringt Brunetti dafür Verständnis auf. Aber als Polizist?

Donna Leon: Nach meiner Überzeugung können die meisten Leute so ziemlich alles rechtfertigen, ganz gleich, wie böse es ist; weshalb es gefährlich ist, ihren Geschichten oder Erklärungen ohne Weiteres Glauben zu schenken. Man läuft Gefahr, ihnen ihre Untaten nachzusehen. Brunetti will, wie gesagt, die Hintergründe verstehen; er ist aber auch erfahren und intelligent genug zu wissen, wie leicht die Menschen sich etwas vormachen. Sowie jemand glaubt, größere Rechte zu haben als ein anderer oder alle anderen, ist er zu sonst etwas imstande und dabei aber aufrichtig der Meinung, kein Unrecht zu begehen.

"Ich habe den Eindruck, Italiener betrachten ihre Regierung als Feind."

In Heimliche Versuchung nehmen die Italiener es nicht so genau mit dem Geld des Staats

Donna Leon: Italiener haben nach meiner Beobachtung ihren Staatsapparat nicht sonderlich gern, auch wenn sie ihr Land lieben und äußerst stolz auf ihre Kultur sind. Die Steuerlast ist enorm – fast wie in Schweden −, doch Italiener bekommen dafür viel weniger Gegenleistungen. Wenn man sich reingelegt fühlt, ist man auch viel eher bereit, andere reinzulegen. Ich habe den Eindruck, Italiener betrachten ihre Regierung als Feind. Wenn man sieht, wie häufig Politiker vor Gericht stehen, versteht man, warum die Bevölkerung so empfindet.

Brunetti kommt in die Jahre. Wird er auch weiser?

Donna Leon: Ja, Brunetti wird älter; ob er auch klüger wird, weiß ich nicht. Nachdenklicher ist er bestimmt, auch wenn das keine Garantie für Weisheit ist: Gedanken sind schließlich nur Gedanken, sie müssen nicht unbedingt klug oder richtig sein. Mit Sicherheit neigt er jetzt mehr dazu, in Frage zu stellen, was ihm als Wahrheit aufgetischt wird. Und das ist doch keine schlechte Angewohnheit, oder?

Übersetzung ins Deutsche: Werner Schmitz