vor einem Jahr

„Babylon Berlin“ bricht alle Rekorde

Fotos: © X Filme Creative Pool Entertainment GmbH / Degeto Film GmbH / Beta Film GmbH / Sky Deutschland GmbH 2017 Fotograf: Frédéric Batier

Die teuerste deutsche Serie aller Zeiten

„Grandios! Herausragend! Exzellentes Setting. Eine faszinierende Zeitreise!“ Die Kritiken über das Mammutepos „Babylon Berlin“ überschlagen sich und lassen aufhorchen. Setzt tatsächlich eine deutsche Serie in Zeiten von Netflix & Co. neue Maßstäbe?

Geplant war es so. Mit fast 40 Millionen Euro Produktionskosten für 16 Folgen präsentiert sich Babylon Berlin, die erstmalige Kooperation der öffentlich-rechtlichen ARD mit dem Privatsender Sky, als die teuerste deutsche Serie, die je gedreht wurde. Ein unglaubliches, aufwendiges Konstrukt mit geballter deutscher Starpower bis in die Nebenrollen, 5.000 Komparsen und knapp 300 Drehorten. In Form gegossen von den drei Regisseuren Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries, die sich gemeinsam auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnen.

Als Vorlage diente der historische Krimi „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher, der sich mit detailgetreuen Schilderungen des Berlins der Zwanziger- und Dreißigerjahre viele Fans erschrieben hat. Kutscher selbst ist höchst angetan von der filmischen Adaption seines Romans, weil es, wie er sagt, nicht nur eine Welt, sondern viele Welten sind, die sich in Babylon Berlin öffnen: unvorstellbarer Reichtum und bitterste Armut, politische Straßenschlachten und die Kämpfe der Unterwelt, Glanz und Abgründe des Berliner Nachtlebens, hier die Moderne und dort die verbissene Rückwärtsgewandtheit, unbeschwertes Leben im Sommer und der einsame Tod in den Hinterhöfen.

Finanziell hat sich das Risiko gelohnt: Millionen Zuschauer sahen Babylon Berlin auf Sky und die Serie wurde in 90 Länder verkauft. Und das ist erst der Anfang. Ende September 2018 startete Babylon Berlin in der ARD und die ersten Folgen lockten dort fast acht Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Jetzt gibt es die Staffel 1 und 2 auch auf DVD zu kaufen.

Sex, crime and history so beeindruckend wie nie

Eine spannende Krimiserie, die zugleich auch eine Reise durch die ausklingenden Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts unternimmt, das ist neu in der deutschen Serienlandschaft. Wie auch das unbestimmt bange Gefühl im Magen, das sich beim Zuschauen immer wieder ausbreitet. Vielleicht, weil die Serie so ganz ohne Pathos eine rastlose Zeit spiegelt, die unaufhaltsam auf einen bekannt radikalen Wandel zusteuert.

Im Zentrum von „Babylon Berlin“ steht der Kölner Kriminalkommissar Gereon Rath (Volker Bruch), der zur Aufklärung eines kompliziert pikanten Falles in die brodelnde deutsche Metropole kommt. Rath ist ein Einzelgänger, aufrecht und aufmerksam, aber einsam und als Kriegsveteran von tiefen Ängsten und Traumata geplagt, die er nur mit Hilfe von Morphium in Schach halten kann. Berlin erlebt er wie eine Stadt im Rausch. Als er sich in die Ermittlungen der Mordkommission einschaltet ahnt er nicht, dass er in ein gefährliches Wespennest gestochen hat.

Bei Weltbild entdecken

Von wegen „Goldene Zwanziger“ – es ist ein Tanz auf dem Vulkan

In opulenten Bildern lässt die monumentale Filmreihe eine vergangene Epoche wiederauferstehen, die bisher eher wenig Aufmerksamkeit fand. Babylon Berlin spielt in der kurzen Blütezeit der Demokratie zwischen den beiden Weltkriegen und zeigt ungeschönt deren Fragilität in der Weimarer Republik. Eine Zeit, in der die Zukunft Deutschlands ungewiss, Berlin eine wilde Stadt voll Traumatisierter, Arbeitsloser und Drogensüchtiger ist, irgendwie haltlos, aber auch andererseits faszinierend.

Zu Asche, zu Staub...

Denn die Menschen verstehen es, ausschweifend zu leben. In Revuetheatern, Cabarets, Varietès und Tanzlokalen wird in paillettenbesetzten, glamourösen Kleidern ausgelassen Swing und Charleston getanzt, rauschende Feste voller Glanz und Dekadenz finden statt.

Übrigens einer der stärksten Momente in der ersten Doppelfolge: Im legendären Berliner Tanztempel, dem „Moka Efti“, betritt ein androgynes Wesen mit dünnem Schnurrbart, Frack und Chapeau die Bühne. Es ist die Sängerin Nikoros (Severija Janušauskaitė), die zwischen Go-go-Tänzerinnen mit Josephine-Baker-Bananengürteln mit stark russischen Akzent fast hypnotisch zu singen beginnt:

„Zu Asche, zu Staub; dem Licht geraubt; doch noch nicht jetzt; Wunder warten bis zuletzt.“ Der Titelsong von Babylon Berlin ist ein eindringlicher Mix aus Chanson, Schlager und Pop, er entfaltet ein überraschend modernes Ambiente der Zwanziger Jahre und schlägt einen unsichtbaren Bogen zum Heute. Entfesselt, fast rauschhaft tanzt das Publikum in die Nacht hinein, ganz so, als gäbe es kein Morgen. Was der Morgen bringen würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand.