vor 9 Monate

Grauen ohne Ekel: Silvia Stolzenburg auf „Puppenjagd“

Sie denken grauenhaft spannend, das können nur Autoren mit leicht unaussprechlichen, zumeist skandinavischen Namen wie Håkan Nesser? Oder wirklich haarsträubend wird nur gemordet, wo es neblige Moorlandschaften und verfallene Cottages gibt wie bei Simon Beckett? Weit gefehlt! Silvia Stolzenburg heißt die deutsche Antwort auf die bekannten Größen des Genres. Sie mordet im hiesigen Gotham City – alias Stuttgart, wo „Mafiamorde und einbetonierte Leichen im Neckar“ keine Seltenheit sind, so Stolzenburg. Dabei setzt die Autorin zwar auf blutige Taten („Bei mir werden auch Brüste abgeschnitten.“), aber bitte auch auf ganz viel Kopfkino: „meine Krimis sind keine Anatomievorlesung.“ Die Fantasie des Lesers darf gerne mit ihm durchgehen.

Stolzenburgs neuer Thriller „Puppenjagd“ ist bereits der zweite Fall für Oberkommissarin Tina Baumann und spielt - wie „Feuerspur“ - in der vermeintlich beschaulich-schwäbischen Metropole Stuttgart. Baumann hat inzwischen von der Kriminaltechnik zur Mordkommission gewechselt. Da finden drei Jugendliche auf einem alten Industriegelände eine rothaarige Frauenleiche, grotesk zurechtgemacht wie eine Puppe. Und sie ist nicht die einzige.

Im Interview erklärt Silvia Stolzenburg, warum sie Raffinesse offenen Bauchhöhlen vorzieht und Profiler in TV-Serien Blödsinn sind

„Ich mag Raffinesse in Krimis und keine offenen Bauchhöhlen, meine Krimis sind keine Anatomievorlesung.“

Wie viele blutige Details braucht ein Psychothriller? Wie weit gehen Sie beim Beschreiben von Gewalt?

Silvia Stolzenburg: Es geht in meinen Krimis schon zur Sache! Aber ich denke, die hohe Kunst liegt darin, Grauen zu erzeugen ohne den Ekelfaktor zu bedienen. Es gibt bestimmte Körperteile - wie zum Beispiel rausgeschnittene Augen oder allgemein das Gesicht - da wird es einfach abstoßend für den Leser. Verstehen Sie mich nicht falsch! Bei mir werden auch Brüste abgeschnitten. Aber eben nicht im Detail, hier soll die Fantasie des Lesers ins Spiel kommen. Manches beschreibe ich auch bei der Obduktion. Das klinische, sterile Umfeld macht die Taten oft noch gruseliger. Und ich erzähle natürlich aus der Opferperspektive, da ist man dann ganz nah dran, live dabei, dann blende ich aber ab. Ich mag Raffinesse in Krimis und keine offenen Bauchhöhlen, meine Krimis sind keine Anatomievorlesung.

„Das Problem sind nicht die deutschen Krimis, sondern eher die Kritiker… Die Genreliteratur wird runtergeputzt…“

Stimmt es, dass die deutschen Krimiautoren - im Vergleich zu den international erfolgreichen Größen - aufgeholt haben. Gab es hier „Qualitätsunterschiede“?

Silvia Stolzenburg: Das Problem sind nicht die deutschen Krimis, sondern eher die Kritiker. Hierzulande wird ja nicht unterschieden zwischen Unterhaltung und ernsthafter Literatur, sondern es werden überall die gleichen Maßstäbe angelegt. Das wäre aber so, als würde ein Musikkritiker ein Rockkonzert mit einer Oper vergleichen. Die Genreliteratur wird runtergeputzt, derweil funktioniert sie überall nach den gleichen Regeln.

Die ermittelnde Kommissarin Tina Baumann ist uns bereits aus Ihrem Krimi „Feuerspur“ bekannt – jetzt hat sie zur Mordkommission gewechselt. Hatten Sie bei der Recherche wieder Unterstützung von Stuttgarter Profis wie damals zum Thema Brandermittlung?

Silvia Stolzenburg: Ja, ich habe mein Netzwerk genutzt und über meinen Ermittler-Kontakt den Chef der OFA, also der Operativen Fallanalyse, kennengelernt. Ich durfte ihn mit all meinen Fragen besuchen. Wir haben zum Beispiel über die Motivation meines Täters gesprochen und darüber wie Profis an ein Profiling herangehen.

„In Wahrheit ist das ein trockener Job.“

Muss man sich die Arbeit der Profiler so wie in den amerikanischen TV-Serien vorstellen?

Silvia Stolzenburg: Nein, das ist alles Blödsinn. In Wahrheit ist das ein trockener Job mit sehr viel Papierkram, bei dem Akten gesichtet und objektive Daten vom Tatort oder der Obduktionsbericht ausgewertet werden. Die Rekonstruktion des Verbrechens findet dann im Besprechungszimmer statt und man versucht das Verhalten des Täters nachzuvollziehen. Zum Beispiel: Wie hat er sich dem Opfer angenähert? Wie hat er die Kontrolle übernommen? Mit Gewalt oder hat er es vielleicht gelockt? Wie hoch war das Risiko der Entdeckung? Hat er das Opfer irgendwo im Wald überfallen oder im belebten Stadtpark? Wie war seine Beziehung zum Opfer? Spielte zum Beispiel Wut eine Rolle oder war er sexuell motiviert? War die Tat geplant? Hatte er ein Auto dabei oder gar Müllsäcke oder hat er das Opfer gefangen gehalten? All diese Fragen werden aber auf dem Papier geklärt, beziehungsweise in der Soko-Besprechung. Der Profiler bleibt Berater, die Kripo, also in unserem Fall Tina Baumann, löst den Fall.

„Ich nenne Stuttgart ja schon seit einiger Zweit nur noch Gotham City.“

Gibt es Verbrechen wie in „Puppenjagd“ tatsächlich – auch in der beschaulich-schwäbischen Metropole Stuttgart? Hat Sie ein realer Fall besonders schockiert oder inspiriert?

Silvia Stolzenburg: Also ich nenne Stuttgart ja schon seit einiger Zweit nur noch Gotham City. Mein Kontaktmann bei der OFA hat mir reichlich Fälle mitgegeben und Bücher mit Bildern, für die man starke Nerven braucht. Mafiamorde und einbetonierte Leichen im Neckar sind in Stuttgart nicht selten. Meine Thriller basieren aber nie auf realen Fällen, die immer mit viel Leid verbunden sind. Das fände ich gegenüber Tätern und Opfern pietätlos.

„Autoren, die kapitelweise über die Ehekrise ihres Ermittlers schreiben, nutzen das aus meiner Sicht nur als Seitenfüller.“

Welche Entwicklung hat Tina Baumann seit Band 1 gemacht? Braucht ein guter Thriller einen Ermittler mit kompliziertem Privatleben?

Silvia Stolzenburg: Nein, ein guter Thriller braucht aus meiner Sicht einen guten Fall und gute Spannungsbögen und nicht seitenweise Privatleben des Ermittlers. Tina Baumann ist eine stabile, starke, selbstbewusste Powerfrau mit Ecken und Kanten. Aber sie hat weder ein Alkoholproblem noch nimmt sie Drogen. Sie hat einen tollen Freund und eine leicht nervige Familie, die aber nur im Hintergrund auftritt. Ich mag Ermittler mit Tiefe, aber bitte nicht zu viel. Autoren, die kapitelweise über die Ehekrise ihres Ermittlers schreiben, nutzen das aus meiner Sicht nur als Seitenfüller.

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